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Es begann vor nicht allzu langer Zeit

1. Treffen

Datum: 11.07.2010

Ausgerichtet von Katja Frieg

Wer jetzt was erwartet, erwartet die Erwartung.

Wer jetzt glaubt unterhalten werden zu können, tritt in die Erwartung unterhalten werden zu können...

Wer jetzt denkt, dass viel passieren wird, erfährt nun, dass mit Wilhelm Genazino eine Gedankenreise in die lange Weile des Alltags, in die Beobachtungswelten und Blickketten eines Ich - Erzählers beginnt, der nichts anderes tut, als einen Blickwinkel beim Umherlaufen durch die Welt ausschließlich und in voller Konsequenz auch das scheinbar Unwesentliche zu werfen. 

Wer erwartet, dass die Handlung der Bücher von Genazino den literarischen Gesetzmäßigkeiten, wie beispielsweise Spannungsaufbau, Wendung und Sinnerreichung am Ende des Buches ergibt, der darf versuchen diese für sich zu finden.

Dem vermag ich allerdings jetzt schon sagen zu wollen, dass Genazino zu einem radikal anderen Blick einlädt.

Die besondere Art seiner Beobachtung entsteht mit dem Beobachtungsgegenständen und abstrusen Alltagssituationen, die den Ich - Erzähler und somit auch den Leser in einen resultierenden Zustand versetzen, der dann durch eine weitere Aneinanderreihung einer neuen scheinbar sinn-leeren, gar zufälligen Blickkette ergänzt und verändert wird.

So tauchte ich regelmäßig mit Genazinos skurrilen Protagonisten in einen Alltagsirrsinn ein, den ich nicht mehr missen möchte. Tiefsinnig, anrührend, Sinn - trächtig in der reichen und vollen Leere des Lebens wird durch ihn und mit seinen Wortneuschöpfungen eine Lese - Welt an gelebt, die den Leser auf den lang gedehnten Blick des Zufalls zurückwirft. Doch auch der will interpretiert werden.

Die Prämisse des konstruktivistischen Denkens, nämlich das Worte Wirklichkeit erzeugen, darf mit Genazinos wortbezogenen Geniestreichen erlebt werden.

Indem er es geschafft hat mir einen vorher nur gefühlten, persönlichen und nicht unerheblichen geringen Teil meiner Innenwelt erstmals greifbar und begreifbar gemacht zu haben...

Wie er das geschafft hat?

Indem er über das schreibt, über was er eben schreibt, indem er den Dingen Worte und Bedeutungen schenkt, und sich einer Welt zuwendet, die mit Sicherheit nicht jeder hören mag und von der ich glaube sie ist mehr als nur einfach da.

Denjenigen, der diese Welt nicht mag, führen die Bücher bestenfalls in einen Gefühlszustand unendlicher Langeweile unerträglicher Ödnis.

Mich verzaubert Genazino mit jedem seiner Bücher. Die Wahrnehmungen des Autors ergänzen mich in meinem Erleben, indem er Gedankenkonstrukte, Analyse und Reflexionen anbietet, die die unbedeutenden Momente des Lebens hervorheben und den Blick auf unbedeutende Menschen unserer Gesellschaft werfen.

Im Unterschied zu mir denkt Genazino diesen Blick auch trotz scheinbarer Bedeutungslosigkeit zu Ende und schenkt mir somit einen enormen Bedeutungszuwachs alltäglicher Situationen.

So sind seit Genazino für mich existiert, die vorher geglaubten persönlichen "Nullbeobachtungen" zu einem unermesslichen Wert herangewachsen.

Danke Wilhelm Genazino für jedes ausgeschriebene Wort. Und nicht zuletzt ist klar: der Autor wirft mit allem auch immer einen kritischen Blick auf Gesellschaft, Medien und Zeitgeist.

Das ist dann der 2. Blick auf Genazino.

So will ich mit der Erkenntnis aus dem Schlusswort des von mir zuletzt gelesenen Buches "Die Kassiererinnen" mein persönliches Plädoyer für Genazino enden lassen:

„Ich hielt mich absichtlich draußen auf, ich sah eine Szene und empfand darüber überraschend den Drang nach ihrer Beschreibung, der ein Drang nach Unverlierbarkeit und späterer Bearbeitung des Unverlorenen war. Das heißt so, genau, wusste ich die Gründe des Schreibens nicht. Es würde sein wie immer: Nur im Schreiben selbst steckt die Erlösung von Deutungen des Schreibens.“

 

2. Treffen

Eine Idee lernt Schwimmen...

Der 11. Juli 2010 war ein Sonntag, an dem es mit knapp 37 Grad Celsius mehr als hitzig herging. Doch nicht nur heiße Luft, sondern auch wohltemperierte Gedanken wurden am 138. Tag des Jahres freigesetzt. Denn an diesem, jetzt schon geschichtsträchtigen Datum, bekam eine vage Idee Schwimmflügel, streckte den Kopf aus den Tiefen der Bedeutungsfreiheit, holte tief Luft und machte sich auf, die Welt von nun an von hier oben zu verstehen.

Unter dem Namen ProIQ konstituierte sich diese Idee als erstes inspiratives Treffen der DG3S in Gründung.

Das Programm ist im Namen inbegriffen:

 

Pro     -      vokation         =     Herausforderung

I         -      nteraktion      =     wechselseitig aufeinander einwirken

Q        -      uerdenken     =     vielfältige Sinnhaftigkeit konstruieren

 

Zu diesem Zweck lud Katja Frieg als geistige Wegbegleiterin und Moderatorin des ersten Treffens dazu ein, mit ihr und ihrem Lieblingsautor Wilhelm Genazino, in die Welt der kleinen Wahrnehmungen einzutauchen, Gedankentore zu eröffnen, Blickketten zu verfolgen und ungewohnte Erlebnispfade zu beschreiten. Ihre ebenso originelle wie persönliche Darstellung des für sie Bedeutsamen im Werk von Genazino erzeugte Freude, Interesse, Bewunderung, Verbundenheit, Bedrückung oder auch Unverständnis unter den Anwesenden. In der Zirkularität wechselseitiger Anstöße und Anstößigkeiten fand Begegnung statt, die die Beteiligten in konstruktive Schwingungen versetzte.

 

Zwar noch ein wenig wackelig und auf unbekannten Gewässern, aber ProIQ schwimmt!